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Wenn ich an die Zeit in Oshakati zurückdenke, an die Menschen, die uns von Anfang an so selbstverständlich mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen haben, dann fällt mir als erstes „sharing is caring“ ein – eine Phrase, die wir alle kennen. Der Punkt aber ist: In Namibia ist es keine Phrase.

Denn so viel geteilt wie dort wird, glaube ich, nirgendwo sonst. Am Anfang hat mich das ein bisschen überfordert. Sobald man etwas in den Händen hält, ein Buch, ein Spiel, Essen, wollen alle daran teilhaben. Ein Stück Brot wird geteilt, selbstverständlich mit allen, egal wie klein es ist. Dass am Ende oft nur sehr wenig für einen selbst übrig bleibt, ist egal, weil dafür alle etwas haben. Ich werde mich immer an alle Kinder erinnern, die wie ich bei Meme Diana gelebt haben und schon am ersten Tag unsere Ligretto Karten entdeckt haben und sofort wissen wollten, wie das Spiel denn funktioniert. Von da an haben sie jeden Nachmittag, wenn wir aus der Schule in Tkmoams zurückgekommen sind, gefragt „Can I play with your cards?“. Nach den zweieinhalb Monaten, die ich in Oshakati verbracht habe, waren die Karten dann vor allem im Sand und unter dem Sofa zu finden, aber zusammengesammelt haben sie die Kinder dann wieder genauso gründlich, wie sie damit gespielt haben.

Diese Achtsamkeit allen und allem gegenüber, die Freude an diesen kleinen Dingen, die für uns so selbstverständlich sind, und die unglaubliche Neugier auf alles charakterisieren für mich die Menschen, die ich in Namibia kennengelernt habe, am besten. Die Lebensfreude und diese nicht endend scheinende Energie der Kinder haben mich so beeindruckt und berührt, weil sie so wenig haben, aber dafür umso mehr Ehrgeiz und Motivation zu lernen, zu spielen und alles zu erkunden. Wir haben viele Nachmittage damit verbracht, gemeinsam mit den Kindern zu zeichnen und zu rechnen und ich sehe noch immer die unzähligen Hände, die mir mit Begeisterung das, was sie aufgezeichnet und aufgeschrieben haben, entgegenstrecken.

Ich denke an die unglaubliche Großzügigkeit von Diana, die sich nicht nur um ihre eigene große Familie kümmert, sondern um alle, die in ihrem Umfeld sind. Wie groß und umfassend die Hilfe ist, die sie und das ganze Tkmoams-Team leisten, ist erst so richtig erfassbar, wenn man selbst vor Ort war. Wir waren bei Hausbesuchen dabei, bei denen es darum ging, das Einverständnis der Eltern in diesen extrem benachteiligten Familien für den Schulbesuch ihrer Kinder zu bekommen. Wir sind zu den Suppenküchen im Norden Namibias gefahren und haben gesehen, wie sich die Kinder dort anstellen, weil sie sonst nichts zu essen bekommen. Und mir ist bewusst geworden, dass die Kinder von diesen Suppenküchen ernährt werden. Und nicht nur die, die in Tkmoams zur Schule gehen, sondern auch die, die in Blechhütten in der Umgebung wohnen und mit alten Jausenboxen kommen, um Reis für ihre Familien zu holen. Ein Bild habe ich besonders klar im Kopf: Ein wahrscheinlich zweijähriges Mädchen, das schwankend, ein bisschen unsicher auf ihren Beinen, allein, diesen weiten Weg zum Center (Tkmoams) zurücklegt, um Essen zu besorgen.

Johanna, ein Mädchen, das ihre Nachmittage und Abende immer mit uns in Dianas Haus verbracht hat, ist mir mit ihrem kleinen Babybruder Sunday besonders ans Herz gewachsen. Sie ist mit ihren zwölf Jahren einen Großteil des Tages für ihren einjährigen Bruder verantwortlich und hat ihn auf ihrem Rücken getragen, während sie Hausaufgaben gemacht oder mit den anderen gespielt hat und sich darum gekümmert, dass er genug Essen und Schlaf bekommt.

Diana schafft mit der finanziellen Unterstützung des Vereins Onghalo in Tkmoams ein Zuhause für viele Kinder, die ein solches in ihren Familien wegen großer Armut, fehlender Eltern oder Alkoholproblemen nicht haben. Sie bekommen nicht nur Essen und Bildung, sondern auch die Fürsorge und Aufmerksamkeit aller freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für diese jungen Menschen so wichtig ist.

Ich werde für immer dankbar sein für die Zeit, die ich in Namibia verbringen durfte und für alle Menschen, die ich kennengelernt habe. Wir alle können von ihnen lernen, dass zählt, wie es allen geht, nicht nur uns selbst und unserem kleinen Umfeld. „In Africa we share“ sagt man, weil man es tut.